Das konnte sie echt gut (Crank)

ESFJ-front-tinyHier ein weiterer Vorgeschmack auf Ein Song für Julia

Erscheinungstermin: 31. August 2014

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Am Montag war es bei der Arbeit echt schrecklich. Zunächst einmal bin ich Koch in dem Schnellrestaurant und kein verdammter Kellner. Aber zwei Kellnerinnen fehlten und wir hatten noch einen Koch, also musste ich bedienen. Statt, so wie ich es bevorzuge, in der Küche in Ruhe gelassen zu werden und mir gute Musik anzuhören, rannte ich hin und her, holte Getränke, wischte Tische sauber und machte mich zum Affen.

In Zeiten wie diesen wünschte ich, ich hätte die Schule nicht geschmissen.

Ich hatte einen Tisch mit vier Personen zu bedienen: Zwei Mütter und ihre Gören. Das ging so. Eine Mutter bat mich nachzuschenken. Das tat ich. Dann wollte auch die andere Mutter nachgeschenkt bekommen. Das tat ich auch. Dann wollte eines der Kinder ein Törtchen, kann sich aber nicht entscheiden, welches. Also wartete ich, und wartete, und das Kind regte sich auf, und ich wartete noch länger und schließlich sagte die Mutter, dass das Kind gar kein Törtchen essen darf. Damit begann ein Trotzanfall, der auch alle anderen Gäste störte und ich versuchte die Rechnung zu holen, als eines der Kinder seine Arme herum schwingen ließ und vier Tabletts, auf denen die Reste des Essen standen, auf den Boden flogen.

Lassen Sie es mich ganz direkt sagen – ich kann nicht gut mit Menschen umgehen.

Ich schaffte es, zu verschwinden, bevor ich ausrastete und auch ohne irgendwelche kleinen Kinder oder ihre Mütter zu verletzen. Gerade so. Aber nicht, ohne meinen Chef anzuknurren. Ich weiß, dass ich an der Reihe war, aber mal ehrlich? Bin ich die Person, von der Sie Ihre Kinder bedienen lassen möchten? Ich denke nicht. Vielleicht, wenn sie ihnen Angst einjagen möchten.

Egal.

Ich nahm die Green Line zurück nach Roxbury. Wir vier hatten dort ein schäbiges altes Lagerhaus gemietet, wir wohnten im ersten Stock und probten unten. Meistens funktionierte das ganz gut, aber manchmal hingen wir für meinen Geschmack zu nah aufeinander. Mark und Pathin hatten sich ständig wegen irgendetwas in der Wolle und manchmal war die Spannung zwischen mir und Serena so dick, dass man mit einem Messer hätte hindurch schneiden können. Sie wusste außerdem genau, wie sie mich auf die Palme bringen konnte. Nicht dass das besonders schwer war. Außerdem waren sowieso alle sauer auf mich, weil ich die Probe am Dienstag hatte ausfallen lassen, um mir ein Auto zu kaufen, für das ich seit sechs Monaten gespart hatte. Ich war mir sicher, dass sie sich darüber auslassen würden.

Als ich dort ankam, fand ich genau das vor, was ich erwartet hatte. Pathin saß an seinem Schlagzeug, die Arme vor der Brust verschränkt. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen und er hatte die Stirn stark gerunzelt. Mark stand etwas entfernt daneben und hatte ein rotes Gesicht. Er schrie noch nicht, aber seine Stimme war angespannt und schon etwas lauter, als er sprach.

„Du verstehst das nicht!“, sagte er. „Was ich möchte ist… Echtheit. Wir sind dabei, unsere eigene Fan-Basis aufzubauen, die unsere Musik mag. Wir müssen keine Cover mehr spielen.“

Pathin sagte: „Wir müssen die Miete bezahlen.“

„Das weiß ich. Aber das Mini-Album verkauft sich inzwischen besser.“

„Nicht gut genug, um die Miete zu bezahlen.“

Ich hielt inne und schaute sie beide an. Serena, die auf der anderen Seite des Raumes saß und ihre Gitarre stimmte, legte die Gitarre beiseite, stand auf und kam auf mich zu. Während sie ging wippte ihre Hüfte hin und her, und sie sah mir in die Augen. Sie war eine attraktive Frau – langes, wallendes, schwarzes Haar, schokoladenfarbene Haut und ein Körper, der kein Ende nahm. Wenn wir auftraten, tuschte sie ihre Wimpern tief schwarz und trug schwarze Lederstiefel mit spitzen, hohen Absätzen. Und meistens hatte sie ein Mieder oder ein Top an, welches das Tattoo, das sich in ihrem Dekolleté befand, betonte. Sie hatte ein weiteres kleines Tattoo über ihrer Augenbraue, einen kleinen Schmetterling. Wenn wir nicht auftraten, trug sie gerne geblümte, weite Kleider und Flip-Flops.

„Wie lange geht das schon so?“, fragte ich.

Sie runzelte die Stirn. „Den ganzen Nachmittag. Ich werde gleich verrückt.“

„Manchmal denke ich, es war eine verdammt schlechte Idee, dass wir alle hier zusammen wohnen.“

„Das merkst du erst jetzt?“

Ich zuckte mit den Schultern. Ihre Worte waren immer doppeldeutig und ich war mir sicher, dass es jetzt auch so war. Sie deutete schon seit einem Jahr an, dass sie gerne mehr als meine Freundin und Bandkollegin wäre. Ich war nicht interessiert. Es lag nicht daran, dass sie nicht eine wundervolle Frau und eine gute Freundin war. Es lag daran, dass ich keinen meiner wenigen Freunde verlieren wollte. Ganz zu schweigen vom Risiko, die Band zu zerstören, wo wir doch gerade etwas Aufmerksamkeit gewannen.

„Leute!“, schrie ich.

Sie sahen für den Bruchteil einer Sekunde auf, dann begann Mark erneut rumzuschimpfen.

„Leute!“, schrei ich erneut. „Hört auf. Diesen Streit werden wir heute nicht lösen. Wir haben eine Show, auf die wir uns vorbereiten müssen.“

„Was?“, sagte Mark. „Wann?“

Pathin schüttelte seinen Kopf vor Empörung. „Wenn du letzte Nacht nicht so betrunken gewesen wärst, wüsstest du es, Arschloch“, sagte er.

Serena seufzte. „Freitagnacht“, sagte sie. „Metro in Cambridge.“

„Scheiße, ich hasse diesen Ort“, sagte Mark. „Die Akustik ist echt mies.“

„Sie zahlen gut“, antwortete Pathin.

„Ich weiß, ich weiß…“, sagte Mark. Er sah Pathin an und sagte mit spöttischer Stimme: „Wir müssen die Miete zahlen. Wie auch immer.“

Ich fluchte vor mich hin und ließ mich auf die schäbige Couch fallen, die wir vor einem Jahr vom Sperrmüll eingesammelt hatten.

„Was ist los?“, fragte Serena.

Ich schüttelte meinen Kopf und rieb mit meinen Händen über meine Schläfen. „Ich bin nur müde, es war ein langer Tag.“

„Tja, es ist Zeit, sich zusammenzureißen. Wir haben einen Auftritt, auf den wir uns vorbereiten müssen. Die zwei haben sich zum Teil auch deshalb gestritten, weil wir auf dich warten mussten.“

Manchmal liebe ich diese Typen. Betonung auf manchmal.

Ich stand auf, holte meine Gitarre raus, begann sie zu stimmen und ignorierte dabei Mark und Pathin, die ungewöhnlich ruhig waren. Als ich fertig war, schaltete ich den Verstärker an, spielte ein paar Tonleitern und sagte: „Ich möchte, dass Ihr euch was anhört. Es ist ein bisschen anders.“

Serena schaute auf und Mark und Pathin sahen in meine Richtung. „Dann mal los“, sagte Serena.

Also begann ich zu spielen. Um ehrlich zu sein, war es sogar sehr viel anders. Ich hatte den größten Teil der Rückfahrt von Washington, DC damit verbracht, mit ein paar Akkorden herumzuspielen. Am Sonntagabend, nachdem ich vom Haus meines Vaters zurückgekommen, hatte ich den Text geschrieben. Der Sound war irgendwie dichter, als die Sachen, die ich sonst so schrieb. Es war immer noch schmutzig genug, aber es hatte auch einen einprägsamen Rhythmus. Der Text… na ja, der Song handelte von dem Mädchen, das ich in Washington kennengelernt hatte. Julia.

Ich hatte etwa ein Drittel des Songs gespielt, schmetterte gerade den Refrain „Julia, where did you go? – Julia, wohin bist du verschwunden?“ und alle drei starrten mich mit verblüfften Gesichtern an. Ich stoppte mitten im Takt.

„Was?“, fragte ich.

„Spiel weiter“, sagte Serena, und wedelte ungeduldig mit ihren Händen.

„Ja, mach weiter“, sagte Pathin.

Ich sah sie an, war irritiert von ihrer Reaktion, dann ging ich ein paar Takte zurück und begann wieder zu spielen.

Als ich fertig war, war es in dem Lagerhaus totenstill.

Schließlich sagte Pathin: „Das ist einfach nur brillant.“

Serena nickte schnell mit dem Kopf, sie hatte ein breites Grinsen im Gesicht und leuchtende Augen.

Mark sagte: „Das ist ein verdammter Verrat. Es klingt wie ein Pop-Song.“

Pathin schüttelte seinen Kopf: „Nein… das ist brillant. Das ist vielleicht der beste Song, den Crank je geschrieben hat.“

„Wer zur Hölle ist Julia?“, fragte Serena.

„Niemand“, antwortete ich.

Sie schnaubte und grinste mich an. „Du laberst Scheiße, Crank. Aber, wen stört’s? Der Song ist klasse. Wir werden ihn am Freitag spielen.“

„Er ist noch nicht fertig. Ich habe noch nicht festgelegt, wie…“

„Dann schreib ihn fertig. Wir werden ihn Freitagnacht spielen. Mark wird sich freuen… wir können einen der Cover-Songs aus dem Programm schmeißen.“

Mark sah selbstgefällig aus.

„Ich stimme dir zu“, sagte Pathin. „Aber ich bin auch sehr neugierig, wer diese mysteriöse Julia ist.“

„Kumpel, es ist nur ein Song“, sagte ich.

Mark murmelte: „Ich hätte niemals gedacht, dass wir mal so Top-40-Scheiße spielen werden. Aber wenn wir dadurch eine der Cover-Versionen rausschmeißen können, soll’s mir Recht sein. Aber du bist immer noch ein Verräter, Crank.“

Ich zeigte ihm den Stinkefinger.

Er murmelte „Blöder Affe“ und zeigte mir ebenfalls den Finger.

Serena deutete auf ihn und sah ihn mit diesem Blick an. Ja, diesem Blick. Der Blick, der dazu führte, dass wir uns wie Zehnjährige fühlten, die von ihren Müttern beim Naschen erwischt worden waren. Das konnte Serena echt gut.

„Kannst du es noch ein paarmal spielen?“, bat sie mich. „Ich möchte ein Gefühl für das Stück kriegen. Pathin, hast du das Ende bemerkt? Da muss kräftig Schlagzeug rein.“ Serena war in ihrem Element. Chaotisch, verrückt und manchmal inspiriert, oft nahm sie den Part der künstlerischen Leiterin für die Band ein, falls wir so was hatten.

„Ja“, sagte er. „Hab’s kapiert.“

Also spielte ich das Stück erneut. Und dann noch ein drittes Mal. Und ein Viertes. Serena setzte mit einem kräftigen Hintergrundrhythmus ein und Pathin und Mark kamen mit Schlagzeug und Bassgitarre hinzu und plötzlich war es ein echter Song. Und ich liebte ihn. So schnell und einfach hatte zuvor noch nie jemand einen Song geschrieben. Und vermutlich war es auch der Beste, den ich je geschrieben hatte.

Sogar Mark sah begeistert aus, nachdem wir ihn zusammen gespielt hatten. „Ich gebe zu“, sagte er, „er ist kraftvoll. Auch wenn Crank ein komplettes Arschloch ist.“

„Kraftvoll ist das falsche Wort“, sagte Serena mit seltsamer Stimme. „Herzzerreißend. Die Mädchen werden sich für Crank die Kleider vom Leib reißen.“

Ich schnaubte und Mark sagte: „Und was ist daran neu?“

„Halt die Klappe, Mark“, sagte ich.

„Ich werde die Klappe halten, sobald du aufhörst, nach unseren Shows betrunkene Groupies mitzubringen. Ich habe die Nase voll davon, mir ihr Gekicher und Gestöhne durch die Wand meines Schlafzimmers anzuhören.

Dann imitierte er sie, indem er rhythmisch mit seinem Fuß gegen eine der Holzbänke klopfte und stöhnte: „Oh! Oh! Crank! Oh!“

„Halts Maul!“ rief der Rest von uns.

Mark grinste. „Lasst uns den Rest des Programms durchspielen.“

„Es wurde auch Zeit“, murmelte ich.

Der Rest der Probe war unspektakulär, sie verlief sogar besser, als üblich. Aber so war das eben: Ein Auf und Ab. Unsere Auftritte waren immer gut, aber in den Proben wurden wir alle vom Auf und Ab der Gefühle, Streitereien und einfach dem Alltag beeinflusst.

Nach der Probe bestellte Serena Pizza und ging dann duschen. Ich ließ mich erschöpft auf eine weitere Couch vom Sperrmüll fallen, die in unserem Wohnzimmer über dem Studio stand. Das war früher mal ein Konferenzraum des Lagers oder so was gewesen. Seit wir eingezogen waren, hatte Serena den Raum mit hellen Vorhängen und Überwürfen dekoriert, die sie in Indien gekauft hatte. Mark schaltete den Fernseher an und fand ‚Die Osbournes’. Wirklich? Ich konnte nicht glauben, dass diese Sendung es tatsächlich zu einer ganzen Staffel gebracht hatte.

Fünf Minuten später stand Serena in der Tür zum Flur und sagte mit merkwürdiger Stimme: „Ich habe Julia gefunden.“

„Was?“, sagte Mark.

Ich hob meine Augenbraue. Wovon redete sie?

„Kommt mit“, sagte sie. „Das müsst Ihr euch ansehen.“ Sie sah mich bei den Worten noch nicht mal an.

Mark und Pathin folgten ihr den Flur entlang. Was auch immer das war, ich wollte nicht dabei sein. Aber dann rief Mark „Heilige Scheiße!“ und auf einmal war ich doch interessiert.

Ich ging durch den Flur zu Serenas Zimmer, wo die drei vor dem Computer standen.

Was zur Hölle?

Auf dem Monitor war ein Bild zu sehen, ein gutes Foto. Julia und ich, wie wir uns vor dem Weißen Haus küssten.

Serena las die Bildunterschrift:

„Die junge Miss Thompson wurde am Samstag in einer leidenschaftlichen Umarmung mit Crank Wilson vor dem Weißen Haus gesichtet. Wilson ist der Leadsänger und Gitarrist einer nicht sehr erfolgreichen Alternative-Punk-Rock Band, die in der Gegend um Boston und Providence auftritt. Sein Vorstrafenregister ist fast genauso lang, wie die Gerüchte rund um Miss Thompson.“

Mark lachte. „Mann, du hast wirklich mit dem College-Girl vom Samstag geschlafen?“

„Was? Nein.“

„In dem Artikel steht das aber anders.“

„Was zur Hölle? Warum in Gottes Namen steht da überhaupt was?“

Serena sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Hier geht es nicht um dich, Crank. Das ist der Blog einer Klatschkolumnistin. Sie ist nicht an irgendeinem Müll aus Südboston interessiert. Sie interessiert sich für dieses Mädchen… Julia. Warum hast du uns nicht einfach von ihr erzählt? Bist du von ihr besessen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Was zur Hölle, Leute? Es ist nur ein Mädchen.“

„War sie gut?“, fragte Mark. „Sie sah gut aus. Verdammt heiß. Allerdings sah sie auch wie eine Bibliothekarin aus. Hmm…“ Er begann völlig falsch „My sexy librarian!“ zu singen.

„Halt, zur Hölle noch mal die Klappe, Mark. Und ich habe keine Ahnung. Ich habe sie an der Wohnung ihrer Eltern abgesetzt und bin dann zurück zum Hotel gefahren. Und außerdem geht Euch das gar nichts an. Keinen von Euch.“ Während ich die letzten Worte sagte, schaute ich Serena an. Sie hätte es besser wissen müssen. Sie hätte es besser wissen müssen. Ich hatte ihr mehr als einmal klargemacht, dass aus uns nichts werden würde.

Sie stand auf. „Alles, was die Band betrifft, geht mich was an.“

„Serena, mach dich nicht lächerlich. Wir haben noch nicht mal unsere verdammten Telefonnummern ausgetauscht. Und ich hänge immer mit irgendwelchen Mädchen rum. Das solltest du inzwischen wissen.“

Sie zuckte zusammen. Ich hatte das gesagt, um ihr wehzutun, und sie wusste das. Aber sie ließ sich nicht unterkriegen.

„Du bist mir scheißegal, Crank. Aber erzähl mir nicht, dass es die Band nicht betrifft… du hast deinen eigenen Song gehört! Erzähl mir nicht, dass du für dieses Mädchen nichts empfindest.“

„Und wenn ich es tue?“

„Wenn du es tust, ist das in Ordnung. Aber sei ehrlich zu uns.“

Mark und Pathin beobachteten uns, beide waren ausnahmsweise mal still. Und das war auch kein Wunder. Serena sah mich mit einem Blick an, der töten konnte.

Ich ging zu ihr, stellte mich direkt vor sie und sagte: „Ich habe dieses Mädchen getroffen. Wir hatten einen Abend lang Spaß. Wir haben uns unterhalten. Wir haben uns geküsst. Dann haben wir uns verabschiedet. Ende. In Ordnung? Kannst du mich jetzt bitte in Frieden lassen?“

Sie schnaubte leicht, ihre Lippen formten sich zu einem verächtlichen Lachen und sie schüttelte ganz leicht ihren Kopf. „Wie auch immer, Crank.“

 

 

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